Abschied, Tränen und Sardinen

Aus und vorbei. 10 Monate rum und zu Hause ist alles wie immer. Naja fast, es gibt ein paar neue Hühner bei mir und in den Läden in Leipzig duzen sie einen. Der Abschied in La Rochelle kommt mir schon sehr sehr weit weg vor. Da war ich noch voller Adrenalin und hatte Angst, dass nicht alles in meinen Koffer passt. Der Hausmeister half mir, fünf Pakete zur Post zu kutschieren und ein sechstes schickte ich aus Panik kurz vor Ladenschluss am Vorabend meiner Abreise ab. Der Abschied an sich verlief schnell. Ich gab den Schlüssel meiner Tutorin, wir wechselten ein paar liebe Worte und das war’s dann. Das soll alles gewesen sein? Ich werde nie wieder meine Schüler unterrichten. Nie wieder Leute aus meinem geliebten Fenster beobachten. Nie wieder bei Naturalia Kefir kaufen… Es ist schrecklich. In Frankreich vermisst man den deutschen Alltag und in Deutschland den französischen. Aber ich habe mir vorgenommen, nicht so wie die ewigen Weltreisenden zu enden, die sich überall und nirgendwo zu Hause fühlen. Dafür wäre ich wahrscheinlich auch gar nicht der Mensch. Denn zu Hause ist es tatsächlich am Schönsten. In den ersten Tagen hatte ich mich so wohl gefühlt, dass es es mir falsch vorkam. Ohne die ewige Sorge, was man am Abend kocht oder wann man das nächste Mal in den Waschsalon geht, fühlt sich das Leben merkwürdig leicht an. Zu leicht.

Aber nun zu meiner letzten Woche in Frankreich, die ich in Marseille verbracht habe. Das Abschlussseminar fand wie die letzten zwei Seminare auch online statt, sodass wir flexibel verreisen konnten. Die Ankunft in Marseille war sehr beschwerlich. Man sucht sich nämlich am besten kein Viertel aus, was auf dem Berg liegt, wenn man den Hausrat von einem Jahr auf dem Buckel und im Koffer trägt. Zwei Omis lachten uns aus, als wir vor der Riesentreppe standen, mit Riesenaugen… da hoch? Nee! Auch der Umweg führte nicht an einer Treppe vorbei. Im Schneckentempo stiegen wir zum beliebten Viertel „Le Panier“ hinauf, in welchem jede Wand bunt bemalt ist. Dieses Altstadtviertel vereint jegliche Kontraste. Wenn du nach unten schaust, siehst du Ratten und wenn du nach oben schaust, beglücken dich Girlanden aus Spitzen-BH’s. So richtig klein und süß und dreckig, wie man den Süden kennt, so war unsere Straße. Nachdem der ganze Boden unseres Airbnbs mit unseren Koffern und Taschen bedeckt war, erkundeten wir die Stadt. Und ooh was für ein erster Eindruck! Eine Nebengasse ging bergab und ließ den Blick direkt auf das Meer frei. Die Sonne tauchte ins Wasser… wir tanzten auf dem großen Platz vor dem blaubeleuchteten Museum „Mucem“ und waren überglücklich. Der große Hafen war hell erstrahlt, kleine Schiffe schlummerten selig vor sich hin und von der anderen Seite tönte Musik zu uns rüber. Ich weiß noch, wie ich wieder einmal über das französische Wort für Sonnenuntergang nachdachte: coucher du soleil, was so viel bedeutet wie, die Sonne geht schlafen.

Ich sah es schon vor mir: wie die letzten Tage in La Rochelle gehen wir jeden Abend in die Bar, feiern unseren Abschluss… ja so stellt man sich das immer vor und dann wurde ich krank. Die ersten Tage schlief ich durch und unser Zimmer verwandelte sich in eine Krankenstation. Da die Wohnung schlauchförmig nach hinten verlief, stand die Luft extrem. Ein riesiger Ventilator an der Decke, äh Virenschleuder meine ich, verhalf wohl eher, dass ich durch den Zug noch kränker wurde und dass sich alles gut verteilte. Die Anderen steckten sich wenige Tage danach an. Diesen „Urlaub“ werde ich trotzdem nie vergessen. Corona-Tests, Ingwerreste, Vitamin C, leere Teetassen und Taschentücher verbreiteten sich schnell in unserer Wohnung und immer diejenigen, mit der meisten Kraft, wurden zum Abwaschen eingeteilt. Mit Schal auf dem Schiff und Jacke am Strand – es gibt Schlimmeres. Wir hörten, wie eine Einheimische auf dem Boot am Telefon sagte: „Die Touristen kleiden sich auch immer merkwürdiger, nichts aber auch nichts sind sie gewöhnt.“

Die Stadt hat uns fasziniert. Ich finde, die Menschen sind im Großen und Ganzen egoistisch und unhöflich oder ihnen ist einfach alles scheißegal und sie leben ihr Leben, wie sie es wollen. Das bedeutet natürlich auch, dass sie die Masken nicht einmal unterm Kinn sondern gar nicht tragen. Im zivilisierten La Rochelle laufen alle Mädchen mit Blümchenkleidern rum. In Marseille jedoch zieht man sich am besten so knapp an, wie möglich. Hotpants ist anscheinend für jede Frau Pflicht. Noch eine durchsichtige Plastiktasche und Plüsch-Flip-Flops dazu und der Look ist perfekt. Und Männer sprechen einen als Frau grundsätzlich an. Vor allem auf dem Markt im arabischen Viertel Noailles hörten wir ständig den Satz „Vous êtes jolie, Madame.“ (Sie sind hübsch, Madame). Davon braucht man sich jedoch nicht abschrecken zu lassen, denn dieser Markt ist wirklich unglaublich! Wie auf Knopfdruck taucht man innerhalb einer Straßenecke ins arabische Flair ein. Wir entdeckten einen Gewürzladen, in dem wir feinste Dattel für 3,90€ das Kilo ergatterten. Kleine Säcke standen aufgereiht auf Tischen und beinhalteten Gewürzpulver und Salze in allen Farben des Regenbogens. Ein hagerer Mann mit weißen Bart beriet uns freundlich und geduldig, bis wir das perfekte Geschenk für unsere Väter gefunden hatten. Ein weiterer Fund war eine herzhafte Teigrolle mit Tomaten und Zwiebeln für 2€, die so riesig war, dass wir noch zwei Tage davon aßen. Generell findet man überall im Viertel gute und günstige Leckereien an den Straßenständen. 4€ die Pizza? Kann man machen.

Kleine Geschichten begleiteten uns die Woche in Marseille, die zusammen ein ziemlich gutes Bild abgeben. Viel Spaß!

1.      Bombe im Trolley? Wir gerieten in eine unangenehme Situation, als wir auf ein Boot warteten. Ein älteres Paar versuchte sehr aufgeregt, die Menschen zu warnen, weil eine Frau mit Kopftuch ihren rosa Trolley mitten in der Menge stehen ließ und dann einfach verschwand. „Noir, noir!“, schrie der Mann mit wilden Gesten. Nach angespannten zehn Minuten kam die Frau zurück, die dem Sicherheitschef erklärte, dass sie nur ihren Platz freihalten wollte. Ein bisschen fühlte ich mich wie in dem Film Monsieur Claude und seine Töchter.

2.      Wir bestellten eine chocolatine (Schokoladenbrötchen) und der Bäcker verlangte lächelnd 8€. Wer den Krieg zwischen chocolatine und pain au chocolat noch nicht kennt, vorsicht vorsicht. Mit dieser Diskussion kann man jeden Franzosen für zwei Stunden beschäftigen.

3.      Es gibt Ecken in Marseille, die riechen nach Seife und es gibt Ecken, die stinken nach Pisse. Es gibt Menschen, die pissen einfach mitten am Tag ans Rathaus.

4.      Die Marseiller Legende besagt, dass Sardinen den Hafen verstopft haben. Es handelt sich um ein Missverständnis, da im Jahr 1779 die Fregatte Sartine mit französischen Kriegsgefangenen den Eingang des Hafens erreichte. Das Schiff war zu groß und blockierte die Hafeneinfahrt. Das mündliche Weitergeben der Story machte aus Sartine schnell Sardine. Deshalb findet man auch überall in Marseille Sardinen und unsere Wohnung war ganz nach diesem Motto eingerichtet.

Wie so oft fühlte ich mich nach wenigen Tagen schon sehr wohl, obwohl diese Stadt sehr negativ behaftet ist. Kriminell und dreckig, sagen die Menschen, die in Marseille waren. Der Müll liegt wirklich überall und stinkt wie die Hölle. Und ja, natürlich haben wir auch schlechte Erfahrungen gemacht. Im Bus hat nen Typ den Rucksack von meiner Freundin aufgemacht und wollte klauen. Oder im Restaurant bekamen wir verbrannte Pizzen, kein Besteck und keine Gläser. Der Restaurantbesitzer erzählte uns, nachdem wir uns beschwert hatten, dass man in Marseille keine Leute findet, die arbeiten wollen. Und allen, die wir wegen einer Umfrage des Seminars befragten, fiel zu Deutschland als erstes Nationalsozialismus ein. Trotzdem ist diese Stadt in all ihren Facetten wunderbar. Die Bäckerin kannte uns schon nach den ersten Tagen und konnte an Freundlichkeit nicht übertroffen werde. Das Essen ist im Gegensatz zu den anderen französischen Städten, wo ich war, sehr sehr günstig und gut. Außerdem hat Marseille den schönsten Sonnenuntergang von der Kirche Notre-Dame de la Garde aus und die schönsten Felsen, die Calenques. Und nicht weit entfernt liegen die Lavendelfelder und Aix-en-Provence, DIE Stadt der Provence. Ich werde diese Stadt wahrscheinlich ewig mit dem Typ im Zug verbinden, der nicht aufgehört hat zu reden, in dem schlimmsten Assi-Französisch mit einer übertriebenen Lautstärke…!

Naja das Seminar neigte sich dem Ende zu, wir verabschiedeten die anderen Freiwilligen und schalteten die Kamera zum letzten Mal aus. Keine Umarmungen, keine Tränen. Wir packten Koffer, wir standen um 5 auf. Wir suchten den Bus, der nicht kam. Alles verlief rückblickend so schnell. Wir warteten auf das Taxi und riskierten, unseren Zug nicht mehr zu bekommen. Wir telefonierten und winkten Transporter, dass sie uns zum Bahnhof mitnehmen sollten. Wir rannten los und liefen dem Taxi in die Arme, was uns seit 15 Minuten suchte. Der Taxifahrer war die beste Begegnung mit Mensch von netter Art in Marseille. Er dachte erst, wir fahren immer mit zwei Koffern in den Urlaub. Touristen halt. Wir sahen Lavendelfelder aus dem Zug und irgendwann sah alles wieder deutsch aus. Bei der ersten deutschen Zugdurchsage lachten wir uns kaputt. Und dann fuhr der Zug in den Leipziger Bahnhof ein. Ich suchte im Gedränge meine Familie und als ich meine Schwester erkannte, kamen die Tränen dann doch. Das war’s.

Jetzt fang ich wieder neu an.

das bunte Viertel „Le Panier“

In Frankreich trägt man tatsächlich kaum einen BH.

die Virenschleuder in unserer Sardinenwohnung

Callisons – Spezialität aus Marseille, kandierte Früchte mit Mandelkruste

mega Ausblick auf das Valun des Auffes

ein Meer aus Salzen und Gewürzen in Marrakesch äh Marseille

Coucher du soleil von der Kirche aus

Sardinen überall präsent: „Hier ist eine, die den Hafen nicht mehr blockiert.“

kleine Tour zu den Calanques, die Felsen zwischen Marseille und Cassis

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